22.4.06

Stelenfeld als Auslöser dynamischen Lernens

Das Stelenfeld des Holocaust Mahnmals hat mir in vieler Hinsicht zu denken gegeben. Das Denkmal ist als Ort sehr eindrücklich und künstlerisch- architektonisch ausgezeichnet gemacht. Es ist ästhetisch sehr schön, wenn man so etwas von einem Denkmal mit einem so traurigen und schrecklichen Hintergrund sagen kann. Durch seine einfache und offene Bauweise provoziert es die verschiedensten Arten des Umgangs.
Es ist auf öffentlich zugänglichem Gelände so gebaut, dass die ersten Betonstelen ebenerdig neben dem Trottoir eingelassen sind. Sie werden gegen das Innere des Stelenfelds immer höher und die Gänge immer tiefer. Das bringt es mit sich, dass die meisten Menschen über einige der ersten, bodenebenen Stelen gehen, manche Erwachsene setzen sich auf niedrige Stelen und Kinder gehen darüber. Mit zunehmender Höhe der Stelen wird jedoch das Bewusstsein grösser, dass es sich bei diesen um Teile des Denkmals handelt. Deshalb werden die höheren Stelen nur von wenigen Personen bestiegen. Aber einige Leute, meist Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsenen springen auch von Stele zu Stele.
Viele Leute gehen aber auch still durch das Feld oder legen sogar Blumen, meist Rosen auf die Stelen.
Nun findet folgender dynamischer Prozess statt, der meiner Meinung nach exemplarisch für die Botschaft des Mahnmals aber auch den Umgang mit Rassismus und schrecklichen Ereignissen ist.

Nicht alle empfinden den den Umgang mit dem Mahnmal gleich. Die einen stört bereits, dass Kinder auf den Stelen gehen, andere sehen darin gerade ein Zeichen von Hoffnung, ein Zeichen, dass die Kinder über das Böse und Schreckliche hinweggehen können. Andere haben andere Grenzen, es entwickeln sich Gespräche, aber auch emotionale, schroffe und betroffene Auseinandersetzungen, Zurechtweisungen. Leute des Ordnungsdienstes müssen uneinsichtige Personen darauf hinweisen, dass Hunde nicht ins Mahnmal gehören, dass die Stelen nicht für Picknicks und Biertischpartys gedacht sind.



Dieser Prozess ist für eine Gesellschaft enorm wichtig. Es geht nicht ohne das permanente Aushandeln von Grenzen. Dabei gibt es kollektive Regeln, die sich verschieben können, je nachdem wie viele einzelnen Personen die Dinge so oder so empfinden. Es ist dabei aber auch wichtig auf die Gefühle von Minderheiten Rücksicht zu nehmen ohne dogmatisch zu werden. Es ist eine dynamischer Lern-Prozess, der nie zu Ende ist.

Auf Rassismus bezogen kann man sich fragen, wann er beginnt, wann man individuell eingreifen sollte, soll, muss, wann Rücksicht angebracht ist, wo Toleranz gefordert ist, aber auch wo Missbrauch durch den Rassismusvorwurf getrieben wird, wo Anpassungsleistungen von wem erbracht werden müssen.

Dass das Mahnmal diesen Denk- und Lern-Prozess auslöst und dass die Berliner den Prozess führen und aushalten, hat mich beeindruckt.

Artikel, der verschiedene Aspekte beleuchtet..
Offizielle Seite des Mahnmals
Artikel über unachtsamen Umgang mit dem Mahnmal

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